Stadtwanderweg 9 und die brutale Kastanie

Durch den grünen Prater, Wien

Es ist Montag, 21.09. Wir schreiben das Jahr 2020. Das Jahr, das von Covid19 gezeichnet ist. Heute Vormittag hatte ich im Stadioncenter zu tun. Ein eigenes Gefühl, es herrscht wieder Maskenpflicht. Eigenartig leer wirkt das Einkaufszentrum. Nun gut, für mich gut. Bald sind alle Dinge erledigt, ich hole mir bei einem Wiener Bäcker ein Frühstück. Bin schon froh, dass ich beim Kaffeetrinken den Fetzen aus dem Gesicht nehmen darf.

Gut, danach habe ich Zeit. Was machen? Kamera ist dabei. Bewegung in freier Natur wäre nicht schlecht. Also ab zum Autobus 77A und bis zur Endstation, dem Lusthaus, gefahren. Dort führt der Stadtwanderweg 9 vorbei. Ich beschließe, einen Teil, oder vielleicht den ganzen Weg zu gehen.

Der letzte Urwald Wiens?

Los geht es und ich habe schon bald das Gefühl im letzten Urwald der Stadt einzutauchen. Mich faszinieren die alten Bäume, die hier einfach das Recht haben, liegen zu bleiben und somit Lebensraum für unzählige Tiere zu werden. Ich bin zwischen meinen Objektiven hin- und hergerissen. Tiere oder Landschaft? Was ist mir heute wichtiger?

Der Boden ist schön weich. Angenehm zum Gehen. Ich muss den unzähligen Wanderplattformen im Internet Recht geben - hier gibt es keine Höhenmeter zu bewältigen. Natur - Ruhe - keine Maske im Gesicht. Hin und wieder höre ich den Ruf eines Vogels - irgendwo klopft der Specht. Irgendwo quakt eine Ente. Libellen schwirren um mich. Und Gelsen! Diese Mistviecher sind noch immer da, wo ich bin.

Ich sauge die Stille in mich auf, bis ein stählernes Klappern die Ruhe zerreißt. Immer wieder frage ich mich, wieso Wanderer mit Walkingstöcken schon Kilometer zuvor ihr Kommen ankündigen müssen? Vielleicht kämpfen sie gegen unsichtbare Monster?

Maria Grün

Gut ausgeschildert ist der Stadtwanderweg 9. Ich folge ihm bis Maria Grün - eine römisch-katholische Wallfahrts- und Filialkirche. Sie ist der heiligen Maria geweiht. In der kleinen Kapelle zünde ich drei Kerzen, eine für unsere Verstorbenen, eine für unsere kranken Bekannten und eine mit der Bitte gut durch diese Zeit zu kommen, an. Dann ziehe ich weiter und überlege noch, ob ich auf der Aspernallee nach links bis zur Busstation beim Lusthaus oder nach rechts bis zur Busstation bei der Schule gehe. Ich habe genug von der frischen Luft, ich will nachhause. Und eigentlich sollte ich noch ein paar Dinge erledigen. Noch in meinen Gedanken versunken, passiert der Linienbus meinen Weg. Fein, nachdem derzeit nur jeder 3. bis zum Lusthaus fährt, hätte ich eine längere Wartezeit vor mir. Da kann ich noch ein Stück weiter gehen.

Der Weg führt ohne Höhenmeter weiter, führt unter einer Brücke hindurch. Graffitis zieren die Tunnelröhre. Ich frage mich nur, wieso der Flamingo so böse schaut. Vielleicht weil er sich in Wien verflogen hat? Oder hat er die Maske vergessen und kann nicht mit der U-Bahn weiterreisen?

Fragen beladen ziehe ich weiter. Langsam tun mir die Füße weh und der Magen knurrt. Ganz langsam wünsche ich mir ein öffentliches Verkehrsmittel. Die erlösende Station. Es ist bereits früher Nachmittag. Ich will nachhause. Jetzt hatsche ich schon knapp 3 Stunden durch den grünen Prater.

Ziel in Sicht. Aber der Wurstelprater ist noch weit

Endlich! Meine Augen streifen durch die Prater Hauptallee. Ha, da kenne ich mich aus. Da ist es nicht mehr weit und ich kann nachhause fahren.

Aber zuerst eine Pause. Da ein Bankerl! Schön, inmitten der herbstlichen Allee. Im Nu ist die mitgeschleppte Flasche Mineral leer, wobei warmes Mineralwasser hat so seinen eigenen Reiz. Ich stöbere im Internet. Aha, Stadtwanderweg 9. Da schreibt ein Wanderblogger - rund 13 Km, 3 Stunden.

Achso? Der ist wohl ein ganz Fleißiger murmele ich in meinen Bart. Aber 3 Stunden bin ich auch schon unterwegs. Anerkennend klopfe ich mir auf die Schulter, bin ich doch in der Annahme die 13 Km geschafft zu haben.

Brutale Kastanien

AUA! Mensch, das tut weh! Und schon wird der rechte Zeigefinger rot! Die Natur hat mich beschossen! Von oben herab! Eine Kastanie kam donnernd herabgesaust, direkt auf mein Handydisplay, sprang auf und erwischte meinen rechten Zeigefinger! Autsch! Spinnst du? Nachdem ich mich gefangen habe, lege ich mich am Boden und fotografiere den Übeltäter. Das wird eine Anzeige, das sage ich euch. Nicht mal gegen Unbekannt, denn hier ist sie ja!

Zum Glück hat mein altes Handy den Natur-Anschlag besser überlebt als mein Finger. Kein Kratzer im Display. Glück gehabt. Von solch hinterhältigen Anschlägen warnt kein Wanderführer.

Grüner Prater anstatt Wurstelprater

Ich google schmerzverzehrt weiter und schrecke hoch. Waaaaaas? Ich habe noch nicht mal den halben Stadtwanderweg 9 bezwungen? Nageh, das wird keine Wandernadel. Aber wo bin ich dann eigentlich? Wo ist der, mir seit Kindertagen, bekannte Wurstelprater? Ich bin ja viel weiter weg. Na super! Und wo ist die nächste Bushaltestelle? U-Bahn? Bim?

Ich pfeife auf Dr. Google, da mein altes Handy eh nie die Google Maps richtig aufmachen kann. Alt, aber stabil, wie wir eben gesehen haben. Also wandere ich weiter.

Irgendwann läutet mein Handy. Mein Freund.

Wo ich denn sei? Ich? Also ich? Na, im grünen Prater!

Wo? Ja, keine Ahnung! Beim x-ten Kastanienbaum links.

Haha. Ja, manchmal kann ich witzig sein. Oh doch, ich komme schon nachhause. Wenn wir Glück haben, dann noch heute.

Wie ein Hase im Kastanienwald

Ich schleppe mich weiter. Also nein, eigentlich schleppe ich mich nicht, sondern versuche in meinem Tempo zu laufen. Vor allem im Zick-Zack, wie ein Hase. Denn von überall schießen Kastanien nach mir. Kann mal wer den Wind abdrehen?

Oh, in der Ferne ein rotes, großes Gefährt. Ein Bus der Wiener Linien. Rettung naht. Ich werde schneller. Kurz vor dem Ziel, der Bushaltestelle, fährt eine Polizeistreife auf der anderen Seite der Prater Hauptallee zu. Ich überlege: Anzeige gegen Kastaniengewalt oder doch lieber Maske auf und rein in den Linienbus?

Aber immerhin 9 1/2

Endlich zuhause angekommen erzähle ich meiner besten Freundin von meiner Kastanienattacke. Sie googelt meine Meisterleistung: "aber immerhin hast du fast den halben Stadtwanderweg 9 begangen, sozusagen 9 ½!". Ich glaube sie lacht noch immer.

Nach dem Essen, nach dem restlichen Kabarett von Gery Seidl, das wir gestern aufgenommen haben, nach den Spätnachrichten, also kurz vor dem Schlafen gehen, fragt mein Schatz endlich: "Was macht dein Finger?", und pustet darauf.

Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.

Wien, 21.09.2020

Unsere allgemeinen Wandertipps: Großstadtwanderer

Fotos von Fotografin Renate

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