Mia Bella

- die Gefahr wird weggesungen


Agnes sitzt mit angezogenen Knien, einem Glas Rotwein und einem Schokokeks auf ihrem Bett und lauscht, mit einem leeren Joghurtbecher in der Hand, in die Stille. Bald müsste sie es wieder hören. Immerhin sind schon wieder zwei Tage vergangen, es ist zwischen 17.00 und 18.00 und bald würde diese männliche, tief erotische Stimme ein Lied zum Besten geben.

Seit die Wohnung nebenan neu bezogen ist, lauscht sie alle zwei bis drei, manchmal auch fünf Tage, einer tiefen, erotischen Männerstimme, wie sie ein Lied in die Wohnung schmettert. Mal beschwingt, mal verliebt, mal fröhlich, aber immer um die 3-5 Minuten. Zuerst dachte sie, er trällert unter der Dusche, mittlerweile hat ihr der berühmte Joghurtbecher an der Wand anderes verraten. Zuerst läuft das Wasser im Bad, dann wird gesungen und erst nachträglich wird geduscht. Sie weiß auch, dass sich keine Frauenstimme in der Nachbarswohnung aufhält. Nur verschleiern ihr ihre detektivischen Fähigkeiten bis heute den Grund für den Gesang, sowie das Aussehen des jungen Mannes.

Agnes ist feig, sehr feig sogar. Sonst würde sie mit einer Flasche Rotwein in der Hand an der Nachbarstür läuten und sich als Nachbarin ins Gespräch bringen. Neugierig wäre sie ja auf den Mann neben ihr, der anscheinend nur alle zwei bis drei Tage duscht.

Es geht los. Das, ihr so bekannte Knacksen der Duschwand, das Laufen des Wassers und "lo vorrei che migliaia die farfalle,....". Die Schriftstellerin kennt das Lied, es ist von Eros Ramazotti, eine italienische Liebesballade. `Für immer mein`, auf Italienisch. Während sich in ihrem Kopf romantische Szenen in einer kleinen italienischen Provinz abspielen, duscht der Nachbar lautlos.


"Oh, ciao Bella, kann ich helfen?". Vor ihr kniet ein schwarzer Wuschelkopf am Boden und hebt ihre, aus dem Sackerl gefallenen Sonntagssemmeln auf. Braune Augen lächeln sie an, während kräftige Hände ihr das gebrechliche Gebäck entgegenstrecken. "Ah, bist du meine Nachbarin?", fragt das perfekt geformte Muskelpaket und lächelt sie an. "Magst du einen Espresso?"

Agnes verliert schon seit dem Hoppala mit dem Papiersackerl mitten im Stiegenhaus kein Wort. Sie kann es nicht glauben, da zerreißt dieses doofe Sackerl vor ihrer Wohnungstür just in jenem Moment, als der unbekannte Sänger endlich mal außerhalb seines Badezimmers anzutreffen ist, hebt ihr die Semmeln auf und lädt sie zu einem Espresso. Sie ringt nach Luft. Die Stimme passt so perfekt zu dem Körper, der ihr gegenüber steht. In ihren kühnsten Träumen hätte sie so einen Anblick nicht erwartet. Erst nach dem ersten Schluck Espresso findet sie ihre Stimme und hat ihre verrücktspielenden Gedanken sowie ihre Schmetterlinge im Bauch einigermaßen unter Kontrolle.

"Ich bin, eh, also, ich,... Agnes", sie reicht ihm die Hand zum Gruß entgegen. Er lächelt sie verschmitzt an, "ich weiß, steht an deiner Tür. Ich bin Francesco, gebürtiger Venezianer und nun seit Monaten dein Nachbar. Schade, dass wir uns bis jetzt noch nie gesehen haben, mia Bella!".

Sie schmilzt dahin. Und das hat nichts mit dem heißen Kaffee zu tun.

"Mia Bella, stört dich mein Gesang?"

Am liebsten würde sie herausschreien, nein, nein, mach weiter, bitte mehr davon. Bitte in meiner Dusche. Mit mir zusammen. Wenn wir Haut an Haut unter dem warmen Wasser stehen, die Seife über unsere nackten Körper streift,...

"Weißt du, ich bin nur alle zwei bis drei Tage in dieser Wohnung. Und kennst du die Legionellen?" Abrupt fällt sie aus ihren hocherotischen Gedanken. "Weißt du, die sind ganz gefährlich, die sammeln sich in Warmwasser-Anlagen in großen Wohnhausanlagen, Hotels, Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen und werden überwiegend durch Aerosol-bildung beim Duschen in die Luft und von dort in die Atemwege verteilt. Eine sehr gefährliche Sache. Glaube mir, ein Freund ist leider in Italien daran gestorben. Deshalb soll man immer, wenn man auch nur ein, zwei, drei Tage nicht geduscht hat, das warme Wasser für ein paar Minuten laufen lassen. Und da habe ich mir angewöhnt, ein Lied zu singen. Oh, mia Bella, ich weiß, ich kann nicht gut singen, aber ich gebe mir Mühe. Ich hoffe, es stört dich nicht, die Wände sind ja sehr dünn bei uns!".

Agnes schüttelt den Kopf wie ein Wackeldackel. Am liebsten hätte sie ihn gebeten, er möge ein Lied zum Besten geben und dann mit ihr im warmen Wasser abtauchen. Dann, wenn es keine Gefahr mehr darstellt. Sie schaut in seine Augen. Hat er das gleiche Verlangen wie sie? Kann sie in den Tiefen seiner Augen lesen, gar bis zu seinem Herz vordringen? Klopft es auch so wild wie ihres? Hat er ebenso Schmetterlinge im Bauch? Oder geht einfach nur ihre schriftstellerische Ader mit ihr durch?

Es läutet an der Tür. Ein kleiner, rundlicher Mann mit fettigen Haaren in einer Bauarbeitermontur steht davor. Francesco stellt ihn kurz als Arbeitskollegen vor, entschuldigt sich bei Agnes, er müsse los, schubst sie sanft auf den Gang und haucht ihr vor ihrer Wohnungstür einen Kuss auf die Wangen. "Mia Bella, bis bald. Wir sehen uns. Ich komme dann bei dir vorbei, ok?" Sie nickt verlegen.

Tausend Dinge schießen durch ihren Kopf. Ehe sie sich in dem Stoff ihrer Träume verrennt, ruft sie ihre Mutter an. Sie muss ihr sofort von der Gefahr aus den Wasserleitungen erzählen, denn ihre Mutter lebt ein paar Tage bei deren Freund, dann wieder bei ihr in der Wohnung. Sie muss ab sofort das Wasser laufen lassen, ob sie singt, ist ihr überlassen. Agnes denkt aber, als gelernte Köchin wird sie wohl die Zeit mit einer Küchenuhr überbrücken, anstatt laut und absolut falsch zu trällern. Aber es ist so wichtig! Agnes ist ganz außer sich. Soll sie auch gleich vom italienischen Nachbarn, den vielleicht neuen Schwiegersohn berichten?