Der Nussberg und die 1-2-3 Kekse


Lili ist fad. Sie sitzt gelangweilt auf einem Ast und starrt gedankenverloren in die Tiefe. Heute ist sie alleine, denn ihre Eltern sind auf der anderen Seite des Kurparks bei den Schwiegereltern auf Besuch.

Lili gähnt. Was sollte sie mit dem heutigen Tag wohl anfangen? Da dröhnt, das ihr so bekannte "Krah-Krah" durch den Nebel. Blackjack, der hübsche Rabenkrähenjunge kommt von seinem morgendlichen Rundflug zurück. Wie gerne würde sie mit ihm Freundschaft schließen, doch ihre Eltern sind strikt dagegen. Eichhörnchen und Krähen sind Feinde, hat ihr Vater streng zu ihr gesagt. Aber warum?

Blackjack blickt verstohlen zu Lili. "Na, hübsches Mädchen, so alleine? Ich habe deine Eltern am anderen Parkende gesehen. Wollen wir spielen?"

Lili fährt zusammen. Fast hätte sie den Ast, auf dem sie sitzt, los gelassen. Hat er sie wirklich gerade gefragt? Sie spürt, wie ihr warm ums kleine Herzerl wird. Soll das der Anbeginn einer besonderen Freundschaft werden?

"Komm, schöne Frau, spielen wir fangen! Ich bin hier! Hier unten! Und keine Angst, meine Eltern sind in der Stadt. Heute ist angeblich viel los, weil die Menschen Geschenke für Weihnachten kaufen und meine Eltern erhoffen sich viel Futter zu finden. Komm, lass uns Freunde sein!"

"Aber...", kurz überlegt Lili, würde das gehen? Dürfen sie wirklich Freunde sein? Ihre Eltern wohnen seit Jahren Baum an Baum und haben noch nicht einmal ein Wort miteinander gewechselt. Dürften sie und Blackjack die ewige Feindschaft zu Grabe tragen?

Ein paar Minuten später hüpfen die beiden wie frisch verliebt durch das braune Gras. Spielen fangen und verstecken. Sind in kleine Schaukämpfe verwickelt und liegen gedankenverloren Pfote an Flügel im Gras. Dann wieder springen sie auf und laufen um die Wette. Bis Blackjack plötzlich stolpert. Da liegt tatsächlich eine Nuss im Weg, die er nicht gesehen hat. Lili hilft den Krähenjungen auf. Aus lauter Zorn schlägt Blackjack mit dem Schnabel gegen die Nuss, die sofort in zwei Teile bricht.

Lili nähert sich langsam an. Noch nie hat sie einen Nusskern gesehen. Ihre Eltern sind jetzt im Herbst nur mit dem Vergraben der ganzen Nüsse beschäftigt. Vorsichtig tastet sie den Kern ab.

"Kann man den fressen?", auch Blackjack ist verwirrt. Ist es doch sein erster Herbst.

"Ich glaube schon. Wieso sonst würden meine Eltern die Nüsse so akribisch verstecken?"

Und kaum sind die vorsichtigen Überlegungen vom Wind fortgetragen, futtern die beiden schon die schmackhaften Kerne. Kaum sind sie fertig, beginnen sie zu suchen. Nuss um Nuss wird aus dem kühlen, aber noch nicht gefrorenen Boden ausgegraben. Nuss um Nuss bricht Blackjack auf. Nusskern für Nusskern landet in den kleinen Mägen. Bis sie randvoll sind und nicht mehr können. Kichernd und glücklich legen sie sich auf die feuchte Nachmittagswiese. Das war ein Spaß.

Sie sehen den Wolken, die vom Herbstwind geschoben werden, zu. Entdecken Tiere, Landschaften, Symbole. Sprechen über unerreichbare Wünsche und Ziele. Lili erzählt von ihrem Zuhause im Baum, ihrem Kinderzimmer mit Fernseher, Couch und Schreibtisch. Blackjack von seinem Vogelnest, das sein Vater ihm weiter unten im Geäst gebaut hat, damit er, wenn er aus Neugierde hinaus fällt, nicht so hoch fällt, als aus dem elterlichen Nest.

Der Abend zieht herein. Bald werden sowohl Lilis als auch Blackjacks Eltern zurückkehren. Da fassen die beiden einen folgenschweren Entschluss. Sie suchen weiter nach vergrabenen Nüssen, knacken diese und legen sie zwischen den beiden Bäumen zu einem Nussberg zusammen. In der Hoffnung, ihre Eltern würden sich freuen, wenn sie hungrig nachhause kehren. Und für den Fall, dass Blackjacks Eltern doch nichts von den Menschen bekommen haben.

Als die Eltern der Kleinen zurückkehren, trifft sie fast der Schlag. "Wer hat die Arbeit der letzten Wochen einfach zu Nichte gemacht?", brüllt der Eichhörnchenvater durch den Park, "das waren sicher diese unmöglichen Krähen. Wenn ich die erwische!" Und schon saust er Richtung gegnerischen Baum. Wenige Minuten später sind die Väter in einem Raufhandel verwickelt und die Mütter brüllen sich gegenseitig die heftigsten Schimpfwörter entgegen.

Lili stehen die Tränen im Gesicht. Sie wollten doch nur fürs Abendessen sorgen. Blackjack nimmt die kleine Eichhörnchendame behutsam unter seine Flügel. Er spricht ihr Mut zu. Bald würden sich die Eltern wieder beruhigen. Nur so schaut es leider nicht aus.

Da bricht aus der Finsternis ein Schatten hervor, schwebt vom hohen Ahornbaum gegen Boden. "Sagt, was ist denn los mit euch", die weise Eule Laa versucht zu schlichten, "könnt ihr mal für ein paar Minuten die Rauferei einstellen und mir zuhören?" Doch die aufgebrachten Parteien wollen nicht so einfach voneinander loslassen.

Da brüllt die Eule: "Verdammt nochmal, haltet ein! Das darf doch nicht wahr sein! Schaut euch eure Kinder an, die hier liebend vereint sitzen. Nehmt sie als Vorbild und begrabt euer Kriegsbeil."

"Aber, aber," keucht der Eichhörnchenvater, "unsere Wintervorräte, die ganzen schönen Nüsse. Alle ausgegraben und zerstört! Wir werden verhungern! Das kann nur Krieg bedeuten!"

"Stopp", die weise Eule steht zwischen den Kontrahenten, "ihr seid so engstirnig. Nur meckern und jammern. Seht doch mal die Sache von der anderen Seite. Jetzt habt ihr genügend Nusskerne, nehmt sie und backt damit gemeinsam Weihnachtskekse. Friert diese ein. Und wenn es dann draußen ungemütlich kalt ist, habt ihr welche zu knabbern und müsst nicht rausgehen. Und dann kommen eure Freunde, die Krähen zu euren Fenstern und knabbern mit euch. So habt ihr alles etwas davon und kommt gemeinsam gut durch den Winter!"

Und so wurden die Eichhörnchen und Krähen im Kurpark zu Freunden.

Wer jetzt Lust auf rasche Weihnachtskekse hat, findet hier das Rezept.